Erschrecken und Erstaunen. Das Programm der Ruhrfestspiele 2026


Erschrecken und Erstaunen“ ist das Motto der Ruhrfestspiele 2026. In diesem Jahr jährt sich der legendäre Kohletausch zum 80. Mal, jener Akt der Solidarität, mit dem die Bergleute aus Recklinghausen im Nachkriegswinter 1946/47 dafür sorgten, dass die Hamburger Bühnen weiter Theater spielen konnten. Der diesjährige Spielplan steht im Zeichen dieses Ursprungsmoments, nicht als Jubiläum im klassischen Sinn, sondern als Moment des Erinnerns an die Kraft des Anfangs: an Solidarität, den Willen zum Neubeginn und die Überzeugung, dass Kultur Menschen verbinden kann, über geografische und kulturelle Grenzen, soziale Unterschiede und Generationen hinweg. In einer Zeit, in der weltweit Fakten infrage gestellt, demokratische Institutionen untergraben und autokratische Denkweisen wieder salonfähig werden, setzen die Ruhrfestspiele 2026 auf Kunst, die empathisch ist, komplex sein darf und gesellschaftliche Verantwortung einfordert. In diesem Jahr feiern auch das Festival d’Avignon, das Edinburgh International Festival und das Holland Festival ihre 80-jährigen Jubiläen, und erinnern daran, dass Theater und Kultur offene Räume für Austausch, Gemeinschaft und demokratische Teilhabe bieten.


Olaf Kröck: „Angesichts sich überlagernder Krisen, Kriege, politischer Verwerfungen, gesellschaftlicher Spannungen, wirtschaftlicher Umbrüche und der spürbaren Folgen des Klimawandels scheint das Erschrecken oft das Erstaunen zu verdrängen. Zugleich gerät die Fähigkeit zur Empathie unter Druck. Doch eine Demokratie, die Mitgefühl und Solidarität misstraut, gräbt an ihrem Fundament. Solidarität ist keine bloße Geste, sondern die verbindende Kraft, aus der Respekt und Zusammenhalt entstehen. Seit vielen Jahren thematisieren die Ruhrfestspiele mit den Mitteln des Theaters die Widersprüche und Herausforderungen der Gegenwart. Auf unseren Bühnen zeigen wir, was Künstler*innen weltweit bewegt und öffnen einen Raum für künstlerische Formen und Perspektiven. Ich lade unser Publikum ein, die Ruhrfestspiele 2026 zahlreich zu besuchen, Neues zu entdecken und sich von der Vielfalt der Theaterkunst überraschen zu lassen.“

Olaf Kröck und sein Team stellen auch 2026 wieder einen politischen Spielplan vor, der alle Genres umfasst, von Schauspiel und Tanz, Literatur und Dialog, Theater für Junges Publikum, aber auch im Neuen Zirkus, in der Musik und im Kabarett. Während die Bühnentechnik im Großen Haus des Ruhrfestspielhauses saniert wird, begrüßen die Ruhrfestspiele ihr Publikum in dieser Spielzeit im neuen Großen Festspielzelt, das im Stadtgarten hinter dem Ruhrfestspielhaus Platz für knapp 500 Gäste bietet, aber auch in den bewährten Räumen im Kleinen Haus des Ruhrfestspielhauses, im Theater Marl, in der Halle König Ludwig 1/2 und im Bürgerhaus Süd.

Die Eröffnung findet im Großen Festspielzelt statt. Die im vergangenen Jahr mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin Ursula Krechel, deren vielfältiges Werk von der gegenwärtigen Kraft der Literatur zeugt, wird in ihrer Eröffnungsrede das Motto „Erschrecken und Erstaunen“ literarisch umspielen. Die Eröffnungsinszenierung ist die Tanzproduktion „HUANG YI & KUKA“. Der taiwanesische Tänzer und Choreograf Huang Yi tritt in dieser außergewöhnlichen Choreografie in einen poetischen Dialog mit einem Industrieroboter, eine ebenso genaue wie berührende Begegnung zwischen Körper und Technologie, die grundlegende Fragen nach Nähe, Verantwortung und Zukunft aufwirft. Die Schauspieleröffnung der Ruhrfestspiele 2026 ist die iranische Produktion „Das Kind (بچه)“ von Naghmeh Samini. Das Stück verhandelt Fragen von Flucht, Verantwortung und Menschlichkeit an den Grenzen Europas. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Fatemeh Motamed-Arya verkörpert alle drei zentralen Rollen und verleiht dem Abend eine besondere eindringliche Präsenz.
Die diesjährige Kunstausstellung der Ruhrfestspiele widmet sich dem isländischen Künstler Ragnar Kjartansson. In der Kunsthalle Recklinghausen zeigen Videoinstallationen und neue Gemälde einen Überblick über das humorvolle und melancholische Werk eines der international einflussreichsten zeitgenössischen Künstler*innen aus dem Norden, das geprägt ist von den Themen Musik, Feminismus und Kunstgeschichte.

Uraufführungen und Deutschlandpremieren prägen den Schauspiel-Spielplan: In „Maus, Geld, Gespenst“, ausgezeichnet mit dem neuen „Volksbühnenpreis für Theaterliteratur“, thematisiert Sunan Gu die Erfahrungen asiatischer Einwander*innen. Entstanden ist ein Stück zwischen den Kulturen, über Rassismus und Diskriminierung, über das Menschsein und die Suche nach Antworten in einer zerklüfteten Welt. Aufgrund des Umbaus im Ruhrfestspielhaus findet die Uraufführung, eine Koproduktion mit dem Schauspiel Essen, im Grillo-Theater in Essen statt, Regie führt Theater- und Filmregisseurin Ruth Mensah. werkgruppe2 hat für ihr neues Projekt „Catladies“ Frauen im Ruhrgebiet, die das Leben vermeintlicher Catladies führen, interviewt. Fragen nach der Lebensqualität der Frauen über 70 aber auch nach ihren Lebensleistungen, die häufig verborgen bleiben, sind der Ausgangspunkt der Inszenierung. Die Uraufführung entsteht als Koproduktion mit dem Theater Oberhausen. Für den neuen Abend kombiniert werkgruppe2 erstmals szenische Inszenierung und Livemusik mit den dokumentarischen Videoaufnahmen der Frauen.

Die Antarktis, staatenloses „Niemandsland“, gilt bis heute als utopischer Ort internationaler Zusammenarbeit und zugleich als zentraler Schauplatz der Klimaforschung. Ihre Abgeschiedenheit macht sie zum Experimentierraum, in dem sich ökologische, politische und zutiefst menschliche Fragestellungen bündeln. Zu Beginn des Jahres war das künstlerische Team – Regisseur Jan-Christoph Gockel, Dokumentarfilmer Lion Bischof sowie die Schauspieler*innen Julia Gräfner und Wolfram Koch – in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut zu Gast in der Neumayer-Station III. Vor Ort begleiteten sie den Forschungsalltag, sammelten Bilder, Stimmen und Erfahrungen und brachten dieses Material zurück nach Europa. Auf dieser Grundlage entsteht aktuell das neue Stück „Polaris“. Die Koproduktion mit dem Deutschen Theater in Berlin, ein surreales Mockumentary-Theaterstück zwischen Fiktion und filmischer Dokumentation, wird bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt.
Für „Valentina“ recherchierte die international renommierte Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Caroline Guiela Nguyen in der rumänischen Community in Straßburg, in Kindergärten und Grundschulen. Entstanden ist eine moralische und politische Erzählung über die unverhältnismäßige Verantwortung, die Kinder von Migrant*innen tragen müssen, aber auch eine zeitgenössische Parabel über Wahrheit und ihre schmerzhaften Herausforderungen, über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, ihre Liebe und die Perspektive von Kindern. Caroline Guiela Nguyens Theaterarbeit prägt eine besondere Form des theatralen Realismus. Die Ruhrfestspiele zeigen die Deutsche Erstaufführung der Inszenierung.
Im Gewand eines Thrillers wirft die belgische Autorin Gaea Schoeters in ihrem gefeierten Roman „Trophäe“ einen Blick auf unsere postkoloniale Welt und die komplexen Fragen von Herrschaft, Macht und Menschlichkeit. Gleichzeitig macht sie schonungslos die unverändert präsenten Stereotype sichtbar, mit denen der Westen immer noch auf den afrikanischen Kontinent blickt. Roger Vontobel setzt den gefeierten Roman in Szene, die Deutsche Erstaufführung, eine Kooperation mit den Bühnen Bern, ist bei den Ruhrfestspielen zu sehen.
In „Israel & Mohamed“ treffen zwei außergewöhnliche Künstler auf der Bühne aufeinander: der spanische Flamenco-Virtuose Israel Galván und der französisch-marokkanische Theatermacher Mohamed El Khatib (2025 mit der vielbeachteten Produktion „Das geheime Leben der Alten”/„La vie secrète des vieux” in Recklinghausen). Die Inszenierung, als Deutschlandpremiere bei den Ruhrfestspielen, ist Tanz und Theater zugleich. Eine persönliche und politische Begegnung und ein humorvoller, lebendiger Dialog über Herkunft und Freiheit zwischen Körper und Sprache, zwischen Andalusien und Marokko.

Neben den bereits genannten sind zahlreiche weitere bekannte Künstler*innen 2026 bei den Ruhrfestspielen zu Gast, darunter die Schauspielerinnen Katja Riemann („Ein Wenig Licht. Und diese Ruhe.“ von Sibylle Berg, Schauspiel Hannover), Fritzi Haberlandt und Meike Droste („AUF ALLEN VIEREN“ nach dem Roman von Miranda July), Kathrin Wehlisch und Constanze Becker („K.”, Berliner Ensemble), und die Regisseur*innen Antú Romero Nunes („Hard Times“, Koproduktion mit dem Thalia Theater), Barrie Kosky („K.“) und Helgard Haug („All right. Good Night.“, Rimini Protokoll).

Im Tanz sind in diesem Jahr fünf Arbeiten im Programm. Neben der Eröffnung „HUANG YI & KUKA“ zeigen die Ruhrfestspiele kurz nach der Uraufführung in Mainz die neue Choreografie von Marco da Silva Ferreira: „Sugar Rush“ (tanzmainz Ensemble), zudem die neue Produktion „La Langue de Molière“ von La Fleur (Monika Gintersdorfer) und „Maldonne“ der französischen Choreografin Leïla Ka. Jérôme Bels „Gala“ knüpft an eine prägende Linie im Programm der Ruhrfestspiele an, die – wie bereits Jeremy Dellers’ „What Is the City but the People“ (2019) – Menschen aus Recklinghausen und der Region aktiv ins Zentrum stellt. „Gala“ hinterfragt die Konventionen der Revue. Ausgebildete und nicht ausgebildete Tänzer*innen, Menschen mit und ohne Behinderung, Rentner*innen und Kinder stehen gemeinsam auf der Bühne, eine Galerie lebender Porträts der beteiligten Menschen.

Im Genre Literatur laden die Ruhrfestspiele 2026 neben der Eröffnungsrede zu einem Programm mit Lesungen und Gesprächen. Gaea Schoeters „Trophäe“ ist als Schauspiel-Version der Bühnen Bern zu sehen. Mit Denis Scheck spricht die Autorin über ihren neuen Roman „Das Geschenk“, eine kluge, satirische Parabel über Verantwortung in der globalen Gegenwart. Nora Gomringer gewährt Einblicke in ihren ersten Roman „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ und reflektiert über Erinnerung, Abschied und Trauer. Bibiana Beglau liest Erzählungen von Carson McCullers, Joachim Król Erzählungen von Franz Kafka, und Katharina Thalbach führt durch „Kästners Berlin“. Bjarne Mädel, Angelika Richter und Bettina Stucky lesen drei Monologe aus Ingrid Lausunds „Bin nebenan. Monologe für zuhause“ und im Genre Dialog diskutieren Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker im Rahmen ihrer Buchpräsentation „Alles auf Anfang“ mit Moderatorin Azadê Peşmen über Erinnerungskultur, gesellschaftliche Verantwortung und die Chancen eines solidarischen Miteinanders.

Auch im Neuen Zirkus sind erneut stilprägende Arbeiten eingeladen: Mit „Ten Thousand Hours“ von Gravity & Other Myths kehrt die australische Kompanie nach ihren gefeierten Ruhrfestspiele-Auftritten der vergangenen Jahre zurück und zeigt in sieben Vorstellungen für die ganze Familie eine eindringliche Arbeit über Ausdauer, Vertrauen und gemeinschaftliches Scheitern auf dem Weg zur Perfektion. Die Deutschlandpremiere „Anitya – impermanence“ von der israelisch-französischen Zirkuskünstlerin Inbal Ben Haim („PLI“, 2023) verbindet Luftakrobatik und Bildende Kunst zu einer poetischen Performance über Unbeständigkeit und gemeinsames Tragen. Als Europapremiere ist die wortlose Clownsshow „GREEF“ von Christina Gelsone zu sehen, die den Tod ihres Lebens- und Spielpartners ins Zentrum stellt. Eine berührende, persönliche Arbeit über Verlust und die tröstende Kraft des Humors und ein Plädoyer für Empathie und das Zulassen von Trauer. Ergänzt wird das Programm durch weitere internationale Arbeiten, darunter „Concrete“ von Knot on Hands, „OPA FASHION“ von Grind Art Club, „Ballroom“ von Post Uit Hessdalen (performt in einem Truck) und „Elements of Freestyle“ des ISH Dance Collective, die die Vielfalt zeitgenössischer Zirkusformen zwischen Akrobatik, Musik, Tanz und urbaner Bewegungskunst auf die Bühne bringen.

Im Genre Zwischenräume zeigen die Ruhrfestspiele neben der Kunstausstellung von Ragnar Kjartansson in diesem Jahr drei weitere Arbeiten. „Thauma“, Objekttheater von La Mula (präsentiert in Kooperation mit der Fidena), führt die Zuschauenden in eine Bildwelt zwischen surrealistischem Traum und Graphic Novel. „IRGENDWO“ des niederländischen Künstlerkollektivs Schippers&VanGucht ist eine immersive Virtual-Reality-Installation (Deutschlandpremiere), die das Publikum in die Innenwelt eines einsamen Kindes eintauchen lässt und über ausdrucksstarke Bilder, Musik und Atmosphäre das Spannungsfeld von Distanz und Nähe erfahrbar macht. Mit der „Silent Disco Walking Tour“ bringt der Australier Guru Dudu erneut seinen beliebten Tanzspaziergang in die Innenstadt und in den Stadtgarten von Recklinghausen.

In Zeiten, in denen politische Debatten oft laut, aggressiv und vereinfachend geführt werden, wollen die Jungen Ruhrfestspiele Raum für Differenzierung, Empathie und Imagination schaffen. Theater als ein Ort für Partizipation und kritische Reflexion. Ein Ort an dem Neues entstehen kann. Ein Ort, an dem der Funke überspringen kann. Das Programm reicht von frühen ästhetischen Erfahrungen bis zu partizipativen Formaten für junge Erwachsene: Das Krabbelkonzert (Künstlerische Leitung: Andrea Apostoli) richtet sich an die Allerkleinsten, während das Soundtheater „murmur“ von Grensgeval/Aifoon (4–7 Jahre) mit Geräuschen imaginative Welten eröffnet. Mit „Zwischen den Seiten“ und „Ballade“ bringt das Kollektiv Sauf le dimanche Theater direkt in Kindergärten, Grundschulen und Seniorenresidenzen. „Abschmecken“ von Stefan Ebner (Junges Nationaltheater Mannheim) verhandelt über das gemeinsame Essen Fragen von Kultur, Teilen und Zusammenleben. „HEROES“ (Regie: Michai Geyzen, Laika – Theater der Sinne) hinterfragt kritisch zeitgenössische Held*innenbilder. Mit „JOY“ (Buch und Regie: Franz-Joseph Dieken), der diesjährigen Kooperation mit dem bz Bildungszentrum des Handels Recklinghausen, wird Theater zur Selbstermächtigung junger Erwachsener. Ergänzt wird das Programm der Jungen Ruhrfestspiele durch zahlreiche Workshops und Clubs.

Eine Vielzahl weiterer Programmpunkte sind geplant. Im Genre Musik ist erneut das Vokalensemble VOCES8 zu Gast. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Anton Bruckner, das Mundorgel-Project lädt zum Mitsingen und die Sparkassenkonzerte präsentieren verschiedene Bands im Großen Festspielzelt. Eine Foyerzelt-Konzertreihe ist in Planung. Kabarett im Theater Marl (u. a. mit Katrin Bauerfeind) und im Großen Festspielzelt (u. a. mit Sebastian 23) ergänzen das Programm.

Rund 600 Künstler*innen aus der ganzen Welt werden mit ihren Produktionen und Vorstellungen Teil der diesjährigen Ruhrfestspiele sein. Der Spielplan 2026 enthält 80 Produktionen mit 220 Veranstaltungen, davon u. a. drei Uraufführungen, sechs Deutschlandpremieren und eine Europapremiere. Insgesamt sechs Produktionen sind koproduziert.

Weitere Informationen zum Programm, den beteiligten Künstler*innen und ihren Produktionen finden Sie im Programmbuch 2026 und unter ruhrfestspiele.de.


Der Kartenvorverkauf für die Ruhrfestspiele 2026 beginnt am Samstag, 7. März, um 9:00 Uhr.

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